Interview mit Viviane Plechinger
Viviane, du bietest Oxykinetik für Frauen an – ich war ganz beeindruckt, so spannend! Erzähl doch bitte, was genau das bedeutet und wie du dazu gekommen bist.
Es gibt einen Moment in der Arbeit mit Menschen, den ich seit fast 25 Jahren immer wieder erlebe — in der Neurologie, in der Palliativversorgung, in der Begleitung von Menschen mit Demenz, jetzt in der Gerontopsychiatrie: Der Moment, in dem jemand wieder atmet. Nicht tiefer, nicht lauter — sondern anders, weicher, als würde der Körper sich an etwas erinnern, das er lange nicht mehr für sich beansprucht hatte.
In diesem Moment wird ein Gesicht weicher, finden Schultern, die zu lange zu hoch lagen, wieder nach unten — und etwas im Raum verändert sich mit.
Das ist der Ursprung meiner Arbeit. Und aus diesem Ursprung ist Oxykinetik gewachsen — eine Methode, die ich gemeinsam mit meinem Mann Joerg Plechinger entwickelt habe. Der Begriff verbindet Sauerstoff und Bewegung — Oxy und Kinetik. Aber was wir meinen, ist mehr als das: Atmung, Bewegung, Nervensystem, Rhythmus und Körperwahrnehmung als ein zusammenhängendes System. Als Lebensweise, die im Körper beginnt und im ganzen Menschen ankommt.
Ein zweiter wichtiger Ursprung liegt für mich im Freediving. Wer jemals unter Wasser in echte Stille gekommen ist, weiß: Der Atem hört dort auf, eine Selbstverständlichkeit zu sein. Er wird zur Entscheidung, zur Orientierung, zur Vertrauensfrage gegenüber dem eigenen Körper — und damit zu einem der präzisesten Spiegel, die ich kenne. Man lernt, den eigenen Körper sehr genau zu lesen: den Atemreiz, den Moment des Impulses, den Unterschied zwischen echter Not und erlernter Angst. Diese Erfahrung hat meine Arbeit auf eine Weise geprägt, die ich nicht vollständig in Worte fassen kann, die ich aber täglich in meiner Haltung spüre.
Für Frauen ist Oxykinetik ein besonders lebendiges Thema, weil unser Atem eingebettet ist in hormonelle Rhythmen, die die meisten Trainings- und Atemmethoden schlicht ignorieren. Der Zyklus verändert die CO₂-Toleranz. Progesteron beeinflusst das Atemzentrum direkt. Die Perimenopause verändert nicht nur Hormone, sondern das ganze Nervensystem — etwas, das die Neurowissenschaftlerin Lisa Mosconi als echte Gehirntransition beschreibt, nicht als Randnotiz der Gynäkologie.

Ich finde es wichtig, das zu sagen, weil viele Frauen jahrelang denken, sie würden ‚falsch‘ atmen. Dabei atmen sie genau so, wie es ihr Körper in seiner aktuellen hormonellen Realität für richtig hält, um Balance zu gewährleisten. Wir beginnen also nicht mit Korrektur. Wir beginnen mit Verstehen.
Was hat sich in deinem Leben dadurch verändert?
Ich habe aufgehört, meinen Körper für einen Störfaktor zu halten. Das klingt einfach — es hat lange gedauert. Denn auch ich war jahrelang „überatmet“ und in Hyperventilation und Stress gefangen.
Ich bin jemand, der tief denkt und tief fühlt und dabei manchmal vergisst, dass dieser Gedanken- und Gefühlsreichtum auch ein Körper ist, der mitregulieren möchte. Ich habe vieles über Klarheit und Verantwortlichkeit gelöst — und dabei übersehen, dass Klarheit auch aus dem Brustkorb bzw. meinem Körper kommen kann, aus der Ausatmung, aus der Art, wie ich meinen eigenen Rhythmus halte oder verliere.
Heute kenne ich diese Nahtstelle früher: den Moment, in dem mein Atem enger wird und mein System anfängt hochzufahren. Und ich weiß, dass ich dort nicht mehr Willenskraft brauche, sondern weniger Widerstand — eine längere Ausatmung, ein Summen, eine Bewegung, die mich wieder in meinen Körper führt statt aus ihm heraus. Was sich dabei auch verändert hat, ist mein Bild von weiblicher Stärke. Ich habe sehr lange gedacht, Stärke bedeute, den eigenen Körper zu überwinden. Heute glaube ich, sie beginnt genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu arbeiten.
Wie kann uns Frauen Oxykinetik unterstützen?
Auf mehreren Ebenen gleichzeitig — was gleichzeitig ihr größter Vorzug und ihre größte Herausforderung in der Vermittlung ist.
Körperlich geht es um funktionelle Atmung. Viele Frauen atmen unter chronischem Stress vor allem in den oberen Brustraum — der Nacken wird fest, das Zwerchfell eingeschränkt, der Beckenboden reagiert. Das ist kein Versagen, das ist ein intelligenter Schutzreflex. Oxykinetik arbeitet mit sanften Bewegungsimpulsen, Zwerchfellaktivierung, Nasenatmung und gezielter CO₂-Toleranzarbeit — fachlich präzise, körperlich direkt erfahrbar.
Auf der Ebene des Nervensystems lernt der Körper, früher zu regulieren — also bevor die Erschöpfung, die Schlaflosigkeit oder die innere Enge das Ruder übernehmen. Das ist besonders relevant, weil Frauen in der zweiten Zyklushälfte, in der Perimenopause und in den Wechseljahren hormonell bedingt eine veränderte CO₂-Sensitivität erleben: Der Atem wird schneller, der Schlaf leichter, die innere Unruhe größer. Das ist kein Defizit, sondern Ausdruck einer echten Systemumstrukturierung. Oxykinetik begleitet genau das.
Und dann ist da noch etwas, das ich die relationale Ebene nenne: der Atem als Beziehung zu sich selbst. Wenn Frauen nach einer Oxykinetik-Session sagen ‚Ich bin wieder da‘ — das ist keine Metapher, sondern eine körperliche Wahrheit, und sie verändert, wie Frauen sich selbst begegnen.
Ist es für alle Frauen geeignet?
Grundsätzlich ja, weil Oxykinetik sehr anpassbar ist — im Sitzen, Stehen, Gehen, Liegen, ruhig oder bewegt. Eine Frau muss weder sportlich noch besonders körperbewusst sein, und sie muss auch nicht mit einem bestimmten Körpergefühl ankommen. Der Einstieg beginnt dort, wo sie gerade steht.
Wichtig ist mir dabei die fachliche Ehrlichkeit: Oxykinetik ist kein Ersatz für medizinische Diagnostik oder Therapie. Bei akuten Atemwegserkrankungen, schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder besonderen medizinischen Situationen braucht es immer zuerst eine ärztliche Einordnung.
In der Grundbewegung aber ist der Ansatz niedrigschwellig und klar: Man muss nicht gut atmen können, um zu beginnen. Man darf genau mit dem Atem anfangen, den man gerade hat.
Und jetzt deine ganz persönliche Message an uns Frauen:
Liebe Frauen,
viele von uns haben sehr früh gelernt, dass Kraft bedeutet, weiterzugehen. Verantwortung zu tragen. Auszuhalten. Zu funktionieren, auch wenn der eigene Atem längst flacher geworden ist.
Und irgendwann spüren wir, dass der Körper sich das gemerkt hat. Er ist kein stummer Zeuge — er ist das Archiv. Im Kiefer, der immer ein bisschen zu fest ist. Im Brustkorb, der sich nicht ganz öffnet. Im Becken, das nicht wirklich loslässt. Im Atem, der irgendwann zu einer Funktion geworden ist, statt zu bleiben, was er eigentlich ist: Kontakt — mit mir selbst, mit dem, was gerade ist, mit diesem einen Atemzug, der immer schon da war.
Ich wünsche uns Frauen, dass wir unsere zyklische Natur wieder als Wissen begreifen und nicht als Chaos, dass wir unsere Sensibilität als das achten, was sie ist — eine Form von Intelligenz, die viele unterschätzen — und dass wir die Übergänge unseres Lebens nicht nur als etwas begreifen, das wir managen müssen, sondern als Phasen, die uns etwas zeigen, wenn wir bereit sind hinzuhören.
Unser Atem ist dabei der ehrlichste Spiegel, den wir haben. Er verhandelt nicht. Er zeigt uns, wo wir gerade wirklich sind.
Oxykinetik für Frauen ist für mich eine Einladung, genau dort anzufangen — nicht beim Idealzustand, nicht beim Ziel, sondern beim gegenwärtigen Atem. Diesem kleinen, lebendigen, treuen Begleiter, der immer schon da war und der uns zurückführt, wenn wir den Weg zu uns selbst verloren haben.
Mit Wärme und Klarheit,
Viviane Simone Plechinger
Dipl.-Musiktherapeutin · Neurologische Musiktherapeutin · Heilpraktikerin für Psychotherapie
Co-Founderin OMotion Institut für Oxykinetik Oxykinetik Master Instructor – Relaqua Instructor
www.omotion.org


