Interview mit Sabine Stadtmüller, Frauenärztin und Hormonexpertin
„Ärztin aus Überzeugung. Expertin für die Fälle dazwischen.“
Diese zwei Sätze stehen auf Deiner Homepage und ich mag sie so sehr. Was sind für Dich diese „Fälle dazwischen“?
Die „Fälle dazwischen“ sind für mich die Frauen, deren Laborwerte angeblich normal sind und die sich trotzdem nicht wohlfühlen. Frauen, die von Arzt zu Arzt gehen und hören: „Da ist alles in Ordnung“, obwohl sie unter Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, Schlafproblemen, Zyklusbeschwerden oder Gewichtszunahme leiden.
Mich interessieren genau diese Zwischentöne. Nicht nur die Frage, ob ein Wert im Referenzbereich liegt, sondern wie es der Frau wirklich geht. Denn Gesundheit ist so viel mehr als ein Laborwert.
Was motiviert Dich, Deinen Beruf so auszuüben, wie Du es tust? Es fühlt sich für mich nach Berufung an – stimmt das?
Ja, tatsächlich fühlt es sich für mich genauso an.
Ich habe schon früh gemerkt, dass mich nicht nur Diagnosen interessieren, sondern die Geschichten dahinter. Warum entwickelt eine Frau Beschwerden? Welche Rolle spielen Hormone, Stress, Schlaf, Ernährung oder auch die Lebenssituation?
Mich motiviert die Vorstellung, Frauen dabei zu unterstützen, ihren Körper wieder zu verstehen. Denn Wissen nimmt oft Angst. Und wenn eine Frau plötzlich versteht, warum sie sich fühlt, wie sie sich fühlt, ist das häufig der erste Schritt zurück in ihre eigene Kraft.
Du bist wohl eher eine Seltenheit, aber in meinen Augen braucht es viel mehr Frauenärztinnen wie Dich. Wo siehst Du mehr Aufklärungs- und Veränderungsbedarf für die Frauengesundheit?
Wir sprechen heute zwar mehr über Frauengesundheit als noch vor einigen Jahren, aber es gibt immer noch große Wissenslücken – insbesondere rund um den weiblichen Zyklus, die Perimenopause und die Wechseljahre.
Viele Frauen wissen erstaunlich wenig darüber, wie Hormone ihren Körper, ihre Stimmung, ihren Schlaf oder ihren Stoffwechsel beeinflussen. Das ist allerdings kein individuelles Versäumnis, sondern ein strukturelles Problem. Dieses Wissen wird häufig weder in der Schule noch im Gesundheitssystem ausreichend vermittelt.
Ich wünsche mir, dass wir Frauen nicht erst dann begleiten, wenn sie krank sind, sondern ihnen früher Wissen und Werkzeuge an die Hand geben, damit sie ihre Gesundheit aktiv mitgestalten können.
Du begleitest seit über 11 Jahren Frauen. Mich würde interessieren, ob mehr und mehr Frauen selbstbestimmter und selbstbewusster mit ihrem Körper leben. Und inwieweit Frauen über ihren Zyklus und die Rolle der Hormone wissen.
Ich sehe definitiv eine positive Entwicklung.
Frauen informieren sich heute viel aktiver, stellen Fragen und möchten verstehen, was in ihrem Körper passiert. Das finde ich großartig.
Gleichzeitig begegnet mir aber auch eine enorme Verunsicherung. Durch soziale Medien gibt es heute unendlich viele Informationen – leider nicht immer die richtigen. Viele Frauen wissen deshalb zwar mehr als früher, haben aber Schwierigkeiten, die Informationen einzuordnen.
Deshalb braucht es aus meiner Sicht beides: Neugier und Eigenverantwortung, aber auch eine fundierte medizinische Begleitung.
Gibt es etwas, was Dich besonders berührt, in den Begegnungen mit den Frauen, die zu Dir kommen?
Ja, immer wieder.
Besonders berührt mich der Moment, wenn Frauen merken, dass sie mit ihren Beschwerden nicht allein sind. Viele kommen zu mir und glauben, sie seien zu empfindlich, zu gestresst oder würden sich ihre Symptome vielleicht sogar einbilden.
Wenn dann Erleichterung entsteht, weil sie sich verstanden fühlen und ihre Beschwerden einen nachvollziehbaren Hintergrund haben, sind das oft sehr bewegende Gespräche.
Ich glaube, gesehen und ernst genommen zu werden, ist manchmal genauso wichtig wie jede Therapie.
Und zum Schluss Deine ganz persönliche Message an uns Frauen.
Euer Körper arbeitet nicht gegen euch.
Auch wenn er manchmal verwirrend erscheint, versucht er ständig, mit euch zu kommunizieren. Symptome sind oft keine Schwäche und kein Versagen, sondern Signale.
Deshalb wünsche ich jeder Frau, dass sie lernt, ihrem Körper zuzuhören, neugierig zu bleiben und sich nicht mit dem Satz zufriedenzugeben: „Damit müssen Sie leben.“
Ihr dürft Fragen stellen. Ihr dürft Zusammenhänge verstehen wollen. Und ihr dürft euch Unterstützung holen.
Denn Frauengesundheit ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage für alles andere.


