Interview mit Saina
Saina Cortez, 45 Jahre
Unternehmerin, Speakerin, Kolumnistin und Gründerin von Sheciety (großes deutsches Netzwerk & Social Club für Frauen)
Saina, was bedeutet für dich persönlich Weiblichkeit, welche Erfahrungen haben dein Verständnis von Weiblichkeit geprägt und wie lebst Du sie?
Ich habe ehrlicherweise super lange nicht verstanden, was Weiblichkeit ist und wie wichtig es ist, sie nicht zu verlieren. Da ich sehr jung Unternehmen gegründet und Karriere gemacht habe, war ich genau in dem Struggle, mich eigentlich nicht wohl zu fühlen. Am Anfang war ich viel zu weich und zu emotional und dann dachte ich , ich müsse wie ein Mann sein, total hart und überhaupt keine Empathie zulassen. Aber das hat mich noch unglücklicher gemacht. Dann habe ich einen Mittelweg für mich und mein Business gefunden und dachte, jetzt ist es super… Aber dem war nicht so.
Meine erste Erfahrung, also wirkliche Erfahrung mit dem Thema Weiblichkeit habe ich interessanter Weise auf Bali gemacht- nach einem totalen körperlichen Zusammenbruch bin ich mit einer Freundin nach Bali geflogen. Ich wollte dieses Yogaretreat eigentlich gar nicht, aber da meine Freundin sich am ersten Tag verliebt hatte und dann weg war, dachte ich nur:“na toll, was mach ich jetzt?“- und habe mich dann doch angemeldet. Ich hatte nie was mit Yoga am Hut, ich dachte eher: „was für´n Quatsch:)!“ Am ersten Tag hat der Yogalehrer (ein unfassbar toller Mensch, mit dem ich nach neun Jahren immer noch Kontakt habe), zu mir gesagt:“oh Saina, du musst wieder in deine Weiblichkeit zurückkommen.“ Und ich dachte nur so, hääääh, was soll ich??? Weiblicher als ich kann niemand sein, ich habe das Thema damals eher mit weiblichen Kurven assoziiert. Und dann hat er mich so eine Yogaübung machen lassen, ich bin wie ein nasser Sack auf den Boden geknallt und dachte nur „oh, also Weiblichkeit ist da nicht…“
In den fünf Tagen des Retreat habe ich wirklich so zu mir gefunden, bin durch Schmerzen durch gegangen. Krass war einfach, als ich zurück bin, haben Menschen, die keine Ahnung hatten, was ich dort gemacht hatte, mir gesagt, mein Gesicht sähe plötzlich so weich aus. Und da hatte ich es verstanden: ich hatte diese Härte und diesen Panzer um mich abgelegt. Ich kann ehrlicherweise aber sagen, dass ich erst seit 1,5 Jahren und jetzt bin ich 45 (das Retreat ist 9 Jahre her) wirklich in meiner Weiblichkeit lebe. Weiblichkeit hat für mich mit Masken fallen lassen zu tun, mit Empathie, damit zu 100% zu mir stehen. Zu dem zu stehen, wer ich bin. Es geht dabei nicht darum, perfekt zu sein, oder dass ich mich jeden Tag lieben muss, um in meiner Weiblichkeit zu sein. Es gibt immer noch Tage, an denen kann ich mich nicht ausstehen kann, aber ich gehe dann nicht in die Härte. Ich glaube, dass ist für mich die beste Definition: „in meiner Sanftheit/Sanftmut zu bleiben“.

Welche Teile deiner weiblichen Energie durften in den letzten Jahren besonders heilen und wachsen?
Die Teile, die ich erst nicht sehen wollte: z.B. meine Wut, weil sie der größte Antrieb ist, uns Frauen aber fast immer abtrainiert wird. Jedoch ohne sie wären keine Menschen auf der Welt, weil wir sie brauchen, um uns durch den Geburtskanal zu zwängen. Generell meine Schattenseiten, die ich angeschaut habe, konnten heilen. Der weibliche Teil, der Schmerz und Traumata erlebt hat, der wütend und zornig darüber war, darf auch von mir gelebt werden.
Welche spirituelle oder intuitive Kraft hat dich auf deinem Weg am stärksten geprägt?
Ich bin ein sehr spiritueller Mensch, kein religiöser Mensch, ich mag keine Religion, bzw. sagen wir es lieber mal so, ich mag die Art, wie sie ausgelebt wird nicht. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle mit dem Universum verbunden sind, und alle untereinander. Das begleitet mich täglich und wurde mir auch „millionenfach“ durch verschiedene Dinge bestätigt: Es kam genau der Mensch in mein Leben, den ich gebraucht habe, oder es hing genau der Spruch an der Wand, den ich lesen musste… Ich bekam eine Email oder schlage in einem Buch eine Seite auf, die mir half. Spiritualität bedeutet für mich Bewusstsein, wenn ich bewusst durchs Leben gehe. Jemand der sagt, das gibt es nicht, der ist für mich einfach nicht bewusst. Der nimmt Dinge vielleicht einfach nicht wahr oder will sie nicht wahrhaben. Er braucht dann letztendlich die mathematische oder physikalische Logik dahinter, was ja eigentlich auch nur Angst ist.
Was bedeutet „starke Frau“ für dich, ist es ein hilfreiches Label oder belastend?
Belastend. Das merke ich doch sehr, sehr oft. Es gab mehrere Krisen in meinem Leben. Als absolute „Steh-auf-Frau“ kann ich viel und bin stark – aber dadurch bekomme ich dieses Label und werde in die Schublade gesteckt: „Die kann eh alles und braucht keine Hilfe.“ Dabei geht es mir öfters so: „Du siehst doch, dass ich umfalle, halt mich doch mal, bist du blind?:)“ Dann ist das sehr, sehr schwer, dieses Label. Immer noch höre ich im Freundes- und Familienkreise, wenn ich von Problemen spreche:“Ach, das kriegst du doch hin!“ Das nervt mich manchmal echt, weil nein, ich kriege es grad nicht hin. Kann mir auch mal jemand helfen?
Gewisse Begrifflichkeit finde ich echt schwierig – Powerfrau oder immer starke Frau. Nein, ich bin auch mal die schwache Frau, und das ist völlig ok. Das ist für mich sonst eine Maske oder eine Rolle, die wir ablegen dürfen, damit wir nicht ständig über unsere Grenzen gehen. Ich bin, durch dieses Label so oft über meine Grenzen gegangen, bis ich umgefallen bin. Und dann erst durfte ich schwach sein. Ich habe für mich herausgefunden, dass Krankheiten die einzige Möglichkeit waren, Pause zu machen, weil, dann „durfte“ ich ja. Jetzt bin ich wirklich krank, jetzt darf ich ausruhen, muss nicht stark sein, es ist ok. Das zu erkennen ist echt krass.
Hast du das Gefühl, du brauchst das manchmal auch immer noch?
Lacht, jaaaa absolut! Aber ich arbeite intensiv daran, hatte ja dieses Jahr wieder eine größere Bauch OP… Ich arbeite daran mir Pausen zu gönnen, ohne das“Hilfsmittel“ Krankheit. Ich sage jetzt auch laut: „Ich kann grade einfach nicht mehr, ist so, seht zu wie ihr zu Recht kommt“. Es ist aber schwer, wenn du wie ich keinen 9/5 Job hast. Ich stehe halt dafür, Frauen mit Sheciety in ihre Kraft zu bringen. Manchmal allerdings habe ich schon noch das Gefühl, wenn ich jetzt falle, schwach oder krank bin, wie soll ich für sie da sein? Ist halt ein Label in meinem Kopf, das ich „umlabeln“ darf:). Nicht immer bis zur völligen Selbstaufgabe für andere diese starke Frau sein zu müssen, sondern grade indem ich vorlebe:“Wir dürfen auch schwach sein und hinfallen“, gebe ich, glaube ich, viel mehr Kraft, denn dann bin ich nicht die, die immer funktioniert.
Weil du dann authentisch bist?
Ja, denn ich will ja auch keine falschen Maßstäbe setzen, viele denken ja dann, „ich muss auch immer stark sein“. Was ja völliger Blödsinn ist. Eine Freundin hat mal zu mir gesagt, es wäre schwer neben mir zu bestehen, weil ich immer weitermache, wenn andere schon nicht mehr können, und diese dann das Gefühl haben, immer nicht gut genug zu sein. Das fand ich spannend, weil ich das so nie gesehen hatte. Deshalb bin ich jetzt auch immer sehr transparent auf meinen Kanälen. Ich zeige und sage, „boah, mir gehts gerade auch nicht gut, und das ist ok…Klar formulieren, wenn es einem nicht gut geht.
Und die Resonanz ist nicht negativ, stimmt´s:)?
Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil, die ist drei Mal so groß…
Mit Sheciety hast du einen Safe-Space für Female Empowerment geschaffen, wieso ist dieser in deinen Augen so wichtig?
Weil, und ich sage das radikal und meine das auch so: 50% des Problems sind wir Frauen selbst (nicht böse gemeint). Natürlich müssen sich politische, strukturelle und gesellschaftliche Dinge verändern. Und die sind das Hauptproblem, aber das wird sich nicht verändern, wenn wir Frauen uns nicht heilen, wenn wir nicht verstehen, dass wir uns gegenseitig die Hand reichen müssen. Wenn wir nicht verstehen, dass wir keine Konkurrentinnen, sondern Gleichgesinnte sind.
Und genau deshalb sind die Safe-Spaces so wichtig, weil sie uns Raum für Heilung schaffen. Raum zum Hinsehen, Raum zum Verstehen, zum Austauschen…Wir wurden ja letztendlich darauf getrimmt, uns als Konkurrentinnen zu sehen. Auch weil wir Jahrtausende lang ohne Mann nichts wert waren! Und immer wieder sind das so krasse Zahlen, seit 90 Jahren haben wir erst das Wahlrecht, erst seit über 50 Jahren dürfen wir alleine ein Konto eröffnen…
Das ist noch nicht lange, alles noch relativ neu. Wir haben Fortschritte gemacht, aber es gibt noch zu tun… Mich hat es lange sehr wütend gemacht, warum Frauen untereinander ihre Ellenbogen rausfahren. War verzweifelt und habe nicht verstanden, warum sie es nicht checken und lieber supporten. Jetzt habe ich Frieden mit meinem Geschlecht gefunden, wir haben es einfach nicht gelernt, wir wurden dahin erzogen. Und jetzt dürfen wir uns umerziehen. Und genau deshalb braucht es diese Räume…Räume zum Austauschen, Unterstützen, Tacheles sprechen, Miteinander sein. Reich in erster Linie dir die Hand, überwinde deine Unsicherheit und dann reiche sie anderen Frauen. Dafür stehe ich letztendlich auch.
Ich stehe mit meiner Selbstständigkeit am Anfang, habe drei Kinder alleine, aber das innere Brennen ist unaufhaltsam. Was kannst du mir und anderen Frauen in meiner Lage mitgeben?
Für mich gibt es zwei Aspekte:
1. Einfach machen, mehr als scheitern kannst du nicht. Und wenn ich rückblickend auf 19 Jahre Unternehmertum schaue, sind die Momente in denen ich „gescheitert“ bin, die, die Wendepunkte waren. Die, die mich wachsen ließen, in denen ich das Umdenken gelernt habe. Es waren die Momente, die mich anders handeln ließen – denn oft machen wir immer das Gleiche, erwarten aber andere Ergebnisse. Doch das wird nicht passieren, es gibt ja das Gesetz der Resonanz:) Also erster Schritt: Machen, sei mutig und trau dich! (Frauen fehlt leider oft der Mut).
2. Aufgeben ist keine Option – das ist übrigens eine meiner Lebensdevisen. Aufgeben ist Stillstand – und das bedeutet den Tod. Es heißt aber nicht, sich keine Pausen zu gönnen, oder mal hinzufallen, absolut nicht, im Gegenteil. Aber womit ich echt ein Problem habe, sind die nicht endenden Dauerschleifen von Opferdasein. Das macht mich wahnsinnig! Ich kann das ganz schwer ertragen, auch wenn das jemand in meinem Umfeld macht. Meine Einstellung: es gibt immer einen Weg raus, egal wie schlimm es ist. Ich bin im Krieg geboren, bin ausgewandert nach Deutschland, fühle mich immer noch nicht Zuhause, mein Papa ist früh gestorben…Ich hab ´ne Menge durchgemacht. Es hilft mir nichts, mich zu bemitleiden oder bemitleidet zu werden. Ich stecke das lieber in Antriebskraft, um mir das Leben zu erarbeiten, das schön und richtig für mich ist. Und das ist halt für jeden etwas anderes…Und Frauen lege ich ganz besonders ans Herz, wenn sie sich auf den Weg machen, immer ihr WARUM zu kennen. Oftmals setzen wir uns Ziele, ohne mich immer wieder zu hinterfragen, ob diese wirklich meine sind, oder ob es das ist, was ich wirklich will. Diese WARUM Frage kannst du dir immer stellen, um herauszufinden, ob du das wirklich willst, ob es nicht auferlegt ist von Außen, oder weil du es irgendwo aufgeschnappt hast und es eigentlich gar nichts mit dir zu tun hat…Es geht hier um Selbstbewusstsein. Um die Frage, wofür brenne ich wirklich?
Und wie denkst du, kann ich das herausfinden? Durch radikale Ehrlichkeit?
Ja, absolut, durch meine radikale Ehrlichkeit. Und die ist nicht immer angenehm…(wir lachen beide zusammen sehr herzlich, denn wir kennen das zu gut;)). Die tut weh und ist manchmal auch echt kacke – und manchmal wünschst du dir dieses „unbeschwerte“ Leben wieder, dieses trallala, ach wie schön…Das Leben ist ja auch immer noch schön- aber wirklich radikal ehrlich mit sich selber zu sein, ist eben manchmal hart, aber sehr wichtig. Auch ich stelle mir die WARUM-Frage immer noch und immer wieder. Ich erlaube mir diese Frage – und wenn dann mein Check-in immer noch jaaa ist, toll. Wenn nicht, erlaube ich mir das NEIN. Das wäre früher undenkbar für mich gewesen. Ich transformiere mich und damit auch Sheciety, und auch das lasse ich zu. Ich erlaube mir die radikale Ehrlichkeit. In Verbindung mit uns selber gehen, auch wenn es Mut erfordert – es ist immer einfacher mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Und zum Schluß deine ganz persönliche Message für alle Frauen
Sucht die wahrhaftige Verbindung zu euch und geht dann in die Verbindung zu anderen, denn ich finde, nur gemeinsam können wir hell leuchten.Und nur wenn du dich selbst heilst, kannst du auch wirklich das Leben führen, das du führen möchtest. Eben nicht im Außen suchen, sondern im Innen finden. Das ist absolut meine persönliche Message… Auch wenn es nicht immer schön wird, was du in dir findest – aber ich würde auch nie wieder einen anderen Weg gehen wollen. Man versteht ja das Leben rückblickend – dadurch habe ich auch so viel verstanden, warum zB gewisse Dinge nicht eingetroffen sind, oder warum sich viele Wünsche nicht erfüllt haben. Diese Einstellung gibt dem Leben eine andere Tiefe, also wenn du die Beziehung zu dir selbst heilst. Und das wäre auch mein Wunsch für jede Frau – nicht diese Selbstoptimierungsdinger oder das werde zur besten Version deiner selbst…Die bin ich schon;) Sondern die Beziehung zu mir selbst ändern – mir selbst die beste Freundin sein, mit mir selbst in Verbindung bleiben. Geh ins Bewusstsein! Werde dir deiner Selbst bewusst…
Liebe Saina, ich danke Dir von Herzen für diese tolle Begegnung und Deine Zeit, das Interview in München war eine große Bereicherung und Freude!!!


